Was ist Qualität? Metaphysics of Quality

Prof. Dr. Gerd de Bruyn: Seminar Architekturtheorie 2 für Studierende des 7. Bachelorsemesters und DiplomstudentInnen

Universität Stuttgart, Architekturfakultät, Sommersemester 2012

Mittwochs von 10-13 Uhr; K1, Raum 604 

What the Metaphysics of Quality would do is take this separate category, Quality, and show how it contains within itself both subjects and objects.

 

 

1974 erschien in den USA ein Buch mit dem seltsamen Titel „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance“. Autor war ein bis dato unbekannter Verfasser technischer Handbücher mit Namen Robert M. Pirsig. Sein Manuskript hatten 121 Verlage abgelehnt, doch dann schlug es ein wie eine Bombe: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten wurde zum internationalen Bestseller, obschon es nicht von der Freiheit des Motorradfahrens und jenem “Easy-Rider-Gefühl“ handelt, dem sich der gleichnamige Kultfilm aus dem Jahr 1969 von Dennis Hopper hingegeben hatte. Im Gegenteil: während Hopper und Peter Fonda Partei für die technikfeindliche Hippiekultur ergriffen, votierte Robert M. Pirsig für eine Lebensführung, die sich der philosophischen Reflexion und der Bewältigung des modernen Alltags verschreiben sollte. Im Zentrum seiner Überlegungen steht eine Metatheorie der Qualität, mit der er den Antagonismus von Verstand und Gefühl überwinden wollte, den schon Sigfried Giedion zum wichtigsten Aufgabenfeld der Architektur erklärt hatte. Im Seminar fragen wir nicht nur nach architektonische Qualität; wir wollen darüber hinaus wissen, ob und wie ästhetische und ethische Urteile begründet werden können.

 

Allen Interessenten empfehle ich die Teilnahme am Blockseminar Neue Vorarlberger Bauschule, das als Motorradexkursion in der Pfingstwoche stattfinden soll.

 

Literatur:

 

Beutner, E. u. Tanzer,U. (Hg.): Literatur als Geschichte des Ich, Würzburg 2000 (über Robet Pirsig ab S. 112 ff.)

Emerson, R. W.: Die Natur. Ausgewählte Essays, Reclam, Stuttgart 1982

Isozaki, A.: Welten und Gegenwelten, Bielefeld 2011

Jun’ichiro, T. (1933): Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik, Zürich 1987

Kirsch, K.: Die Neue Wohnung und das Alte Japan. Architekten planen für sich selbst,  Stuttgart 1996

Pirsig, R. M.: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values, NewYork 1974

Pirsig, R. M.: Lila, An Inquiry into Morals, 1991

Platon: Werke Band 5 (Phaidros, Parmenides, Epistolai), übers. v. F. Schleiermacher u. D. Kurz, Darmstadt 1981

Schulz, D.: Amerikanischer Transzendentalismus, Darmstadt 1997

Suzuki, D. T. (1959): Zen und die Kultur Japans, Bern u. a. 1994

Bruno Taut, B. (1936): Das japanische Haus und sein Leben, Berlin 1998

Thoreau, H. D. (1854) : Walden. Ein Leben mit der Natur, München 1999

Valéry, P. (1923) : Eupalinos oder Der Architekt, Frankfurt am Main 1990

 

Kultur und Technik des Oldtimers

Prof. Dr. Gerd de Bruyn: Projekt fürs Internationale Zentrum für Kultur und Technikforschung (IZKT)

 

Über die Zukunft der individuellen Mobilität auf der Basis des Verbrennungsmotors im Zeitalter der „unsichtbaren Technik“ - demonstriert am Beispiel des Motorrads

 

These: Wollte man heutzutage das "ideale Fahrzeug" konzipieren, spricht vieles dafür, dass es (bei Berück-sichtigung der wichtigsten emotionalen, ästhetischen, funktionalen, ökonomischen und ökologischen Bedürfnis-se) weit eher einem modernisierten Oldtimer gleichen würde als den Neuerscheinungen des Genfer Autosalons. Dies würde vermutlich für Motorräder sogar noch mehr gelten als für Automobile.

 

So wie denkmalgeschützte Gebäude werden in unserer Zeit auch moderne Technologien, die veralten, zum Kulturgut erklärt. Man zieht sie „aus dem Verkehr“, sie verlieren ihren Zweckcharakter, verwandeln sich in ein Hobby oder zu Ausstellungsstücken in Technikmuseen. Unterliegen sie weiterhin einem (wie auch immer reduzierten) Gebrauch, stellt sich auch bei ihnen die Frage nach einer graduellen Modernisierung. Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Oldtimer-Freunde nicht für alle Ewigkeit dem Gedanken der Adaption moderner Standards etwa bei der Verminderung des Treibstoffverbrauchs, der Emissionen und Geräuschentwicklungen verschließen können. Und warum?

 

Die Oldtimerkultur nimmt nicht nur mit der Anzahl ausrangierter Fahrzeuge und Maschinen ständig zu, ihr Bedeutungswert steigt ebenso rasant, weil die Technik im Informationszeitalter vom Charakter der Ubiquität und Performativität geprägt ist. Sie zeigt sich immer weniger, desto allgegenwärtiger sie wird, und schrumpft zu einem Minimum, um in kleinsten Geräten Platz zu finden. Avancierte Technologien nehmen keine signifikante Gestalt mehr an, wie im Zeitalter der Dampflokomotive, sondern verschwinden in den Dingen und sogar in lebendigen Körpern. In Reaktion hierauf wird die Liebe zur alten Technik zunehmen, weil sie sich nicht in den Autos, Motorrädern, Traktoren und Lokomotiven versteckt hält, mit denen die älteren Generationen aufwuchsen. Im Gegenteil zeigt sie sich dort, und zwar umso mehr, desto betagter die Maschinen sind. Historische Aggregate verraten, wie sie funktionieren, "gehören zu uns" und leben länger als heutige Geräte, die man zum Reparieren weggeben muss oder gleich wegschmeißt.

 

Auch sind Oldtimer in der Regel viel schöner im Sinne von „erhabener“, wie im Fall der großen Dampflokomotiven, oder sind zierlicher wie die Autos der Fünfziger Jahre, und überraschen uns mit einer größeren Formvielfalt. Außerdem klingen und riechen sie besser als zeitgenössische Fahrzeuge. Genau hier aber  liegt ein Problem. Wir müssen uns fragen, wie unsere Gesellschaft, die ihren Schadstoffausstoß, den Verbrauch fossiler Rohstoffe und den Verkehrslärm radikal verringern muss, auf die wachsende Oldtimerkultur mit ihren lauten Auspuffgeräuschen, schwarzen Abgaswolken und hohem Benzinverbrauch reagieren wird? Zwar gibt es keine Fahrzeuge, die so nachhaltig sind wie Oldtimer, doch da sie als Luxusgüter betrachtet werden, wird die Umwelt-belastung, die sie verursachen, besonders kritisch gesehen.

 

Darum werden wir schon bald beantworten müssen: Wie nachhaltig ist ein Oldtimer? Welche Rolle könnte er in der heutigen Verkehrspolitik spielen? Wie viele fahrbare Oldtimer befinden sich derzeit in Deutschland im Besitz von Privatpersonen? Wie viele werden es in zehn oder zwanzig Jahren sein etc.? Welche Modernisierungsmaßnahmen müssen ihnen in Zukunft in Hinblick auf Verbrauch, Lärm und Schadstoffausstoß zugemutet werden? Werden diese Maßnahmen allein die Motoren betreffen? Und umgekehrt muss gefragt werden: Wie sieht das ideale Individualverkehrsmittel unserer Zeit eigentlich aus? Muss es technisch noch komplizierter sein als die Autos und Motorräder, die heute produziert werden? Oder handelt es sich eher um modernisierte Oldtimer?