Zu den oberitalienischen Seen

August 2011

 

Tag 1:

Sonne scheint. Die Fahrt bis Tettnang ist bekannt und langweilig, dann häufen sich die Ausblicke. Man schaut an Hopfenfeldern vorbei auf den Bodensee und weiter bis zu den Alpenketten. Bier machen sie jetzt ohne Hopfen. Dabei riecht der so schön würzig. Im Auto merkt man nichts davon, aber auf dem Motorrad. Vor Bregenz verhindert ein langer Stau, mal ans Ufer zu fahren. Bin damit beschäftigt, links und rechts an der Blechkarawane vorbei zu kommen. Darf man nicht, tut man trotzdem. Es folgen kilometerlang Gewerbegebiete. Bis weit in die Schweiz hinein. Da will niemand absteigen. Außerdem locken die Berge, die immer näher rücken. Mache erst in Altstätten Pause. Sitze in einer schattigen Weinlaube und schaufle erstklassigen Wurstsalat in mich hinein. Das glaubt keiner, wie raffiniert so was zubereitet werden kann. Kostet aber auch sechzehn Franken.

 

Abends in Buchs. Sogar das triste Hotelzimmer dem Bahnhof gegenüber hat seinen Preis. Es soll 105 Fränkli kosten. Ich sag: das ist zuviel. Man will wissen: wie viel ich zahlen will? Eine ungewöhnliche Frage. Ich sage: 75, und wir landen bei 85. Die Bahnhofsstraße ist die Haupteinkaufsmeile. Ich sitz in einem Straßencafé. In Bahnhofsviertel leben vor allem Türken. Es bewölkt sich. Wenn morgen schlechtes Wetter ist, scheiß ich auf diesen Sommer. Hab mir in einer Konditorei ’ne Flasche Eistee und zwei mit Ei und Salami belegte Brote gekauft, die wie Kuchen aussehen und auch so schmecken. Ich will nicht schon wieder ins Restaurant. Trotzdem hat der Salamikuchen so viel gekostet wie der Premiumwurstsalat. Wahrscheinlich bekommt man in der Schweiz nichts Normales und nichts unter sechzehn Franken zum Essen.

 

Die Fahrt durchs Appenzell war okay. Über die Schwägalp ging’s am Säntis vorbei. Man wird zum Figürchen (1:87) in einer idealen Fallerlandschaft. Appenzell ist der Prototyp deutscher Modelleisenbahnanlagen. Mehrfach kreuzte eine Eisenbahn meinen Weg. Leider kein Krokodil, sondern eine moderne  E-Lok. Die Schweiz deckt mit infantilen Idyllen und sportlichen Routen zwei meiner Hobbys ab. Um gegen das Image des bastelnden Spießers anzugehen, hab ich „Steelwork“ von Gilbert Sorrentino mitgenommen. Passt perfekt zu Buchs. Eigentlich ein eidgenössisches Brooklyn. Dass es zu donnern beginnt, passt auch.

 

Auf dem Zimmer schalt ich den Fernseher an: die Nachrichten melden für Deutschland Unwetter. Na prima! Hoffentlich komm ich morgen trocken über die Alpen. Hannover spielt gegen Sevilla. Es steht 1:1. Bestimmt verlieren sie, und der Altkanzler ärgert sich in der VIP-Lounge, während eines seiner Rohre in Sibirien leckt. Annette ruft an. Sie war mit Charlotte im allerletzten Harry-Potter-Film. Zwischen Drei und Vier träum ich, bei Wolfi auf einer Party zu sein. Diesmal will ich’s nicht versäumen, ihn nach den Telefonnummern zweier ehemaliger Klassenkameraden zu fragen. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Dem Akzent nach ist er Russe oder Serbe. Ob ich seine Frau nicht vermisse, will er wissen. Ich erinnere mich, sie hat mir mal nachgestellt. Er steckt mir seine Visitenkarte zu und zieht sich mit einem Typ zurück, der wie ein Killer aussieht.

 

Wenn einer im Traum wie’n Killer aussieht, ist er auch einer. Ich stolpre durch die Dunkelheit nach Haus. Vorbei an einem langen Wohnungsblock. Prora nachempfunden. Ferdi steht vor mir. Beladen mit Bauholz. Erzählt wie immer gut gelaunt von einem baubotanischen Projekt. Ich geh weiter und stoße auf eine improvisierte Wohnung im Freien. Darin die Frau des Russen oder Serben und zwei Männer. Ich bleib stehen. Man beachtet mich nicht. Der Killer kommt und will wissen, wer Oskar ist? Einer hebt die Hand, aber es fällt kein Schuss. Der Killer ist weg und Oskar steckt eine Nadel im Hals. So also! Man muss sie herausziehen. Ist sie vergiftet? Ich nehme ein Taschentuch und zieh dran. Die Nadel bewegt sich nicht, sie hat Widerhaken. Lass es, sagt die Frau, er ist tot. Und tatsächlich: Oskar kippt auf den Gehweg. Im gleichen Moment hängt sie an mir und steckt mir die Zunge in den Hals. Ich bin sofort Feuer und Flamme, aber auch skeptisch. Sage: Dein Mann wird auch mich umbringen lassen. Sie lacht: Der weiß doch nichts von dir. Was machen wir mit der Leiche, frag ich sie, während wir uns küssen.

 

Polizisten sind gekommen. Sie sprechen nur kurz mit meiner Traumfrau und lassen uns dann zufrieden. Trotzdem wach ich auf. Schade. Eine Glocke schlägt viermal. Sie gehört bestimmt zu der Kirche, die ich mir abends angeschaut hatte. Doch nur von außen. Hatte keine Lust, die vielen Stufen raufzusteigen. Der Bau stammt aus den Dreißigern. Darüber informiert eine Tafel, die aufwendig hergestellt und an eine Mauer geschraubt wurde. Weil das Kirchenschiff zu klein war, riss man den Vorgängerbau ab. Den Buchsern war der Neubau nicht geheuer. Besonders der Glockenturm. Er war ihnen zu schlank. Das stimmt auch, denn auf ihm balanciert noch eine meterhohe Dachhaube, die spitz zuläuft wie eine Nadel, die in den Himmel pickst und Oskar in den Hals. Der Architekt gab damals zu, sein Entwurf sei vielleicht zu modern, doch würden sich die Leute dran gewöhnen. Man sieht auch ein Foto von der Sprengung des alten Turms. Schön dick war er...

 

An den wenigen vorzeigenswerten Gebäuden, die es gibt, hängen weitere Tafeln. Offenbar weiß man, wie verhunzt Buchs ist, tut aber so, als sei man sensibel und geschichtsbewusst. Brutalität und Behutsamkeit leben wie Mann und Frau zusammen. Sie gehen ihrer Wege und ergänzen sich bestens, denn wo nichts wegkommt, kann auch nichts erinnert werden. Hier in Buchs muss Raum für Mietskasernen geschaffen werden, in denen die Zuwanderer unterkommen, die in den Billigmärkten und Schuhgeschäften mit den Sonderpreisen einkaufen gehen. Auch dafür muss Platz sein.

 

Dauernd das Gebrüll getunter Autos, in denen Typen mit Sonnenbrillen sitzen, deren Väter am Grundstücksverkauf verdienen. Der Kebab mampfende Mustafa lässt seine Muskeln spielen. Was die Arschlöcher im Motor haben, hat er in den Oberarmen. Ich schreib das erst am nächsten Morgen auf. Der zweite Tag hat schon angefangen. Mit Gewitter und Regen. Sauerei. Doch beim Frühstück kehrt die Sonne zurück. Ich kann weiterfahren!

 

 

Tag 2:

 

Sitze in der grellen Sonne auf dem Klausenpass bzw. ’nen Kilometer weiter auf der Terrasse des Passhotels. Trinke eine Ovomaltine und ärger mich. Hätte vorhin den Greis, der neben mir vom Motorrad stieg, ansprechen sollen. Wenigstens grüßen. Er hatte schon tattrige Bewegungen, war sicher Ende Siebzig und fährt noch Pässe! Natürlich nicht mit ’nem dicken Schiff, sondern ’ner leichten Einzylindermaschine. Na ja, das sind keine schlechten Aussichten. Er schaute her, und ich markierte den einsamen Cowboy. Bin’s aber gar nicht – mit Frau und Tochter Zuhause. Aber er ist es. Umso häufiger ich das Bild abrufe, wie er da gebeugt an seiner Maschine steht, desto wehmütiger wird mir zumute. Mein Vater fällt mir ein, der unter dem Altersmatriachat meiner Mutter zugrunde geht. Hab mir immer schon zu wenig Zeit für Menschen genommen, die mir nahe stehen. Und der alte Mann eben stand ja ganz nah bei mir, sah zu mir hin und wartete, dass ich ein Wort an ihn richte...

 

Meine Guzzi ist netter als ich. Sehr gutmütig, aber nicht so geschmeidig wie eine BMW oder die japanischen Vierzylinder. Enge Rechtskehren sind eine Herausforderung. Sonst tuckert sie lässig über die Holperstrecke. Die Klausenstraße ist gepflastert mit Kuhfladen, da muss man Acht geben. Begänne es zu regnen, würde die Passfahrt in eine Rutschpartie ausarten und ich auf der Scheiße in die Hölle schlittern. Dann die erste Kurve, hinter der eine Kuh auf der Straße steht und mich mit großen Augen anstiert. Schwerer Adrenalinschub.

 

Als Bub durfte ich Kühe im Urlaub hüten. Erst waren die Eltern mit uns in den Schwarzwald gefahren, danach mehrmals an den Thuner See. Seitdem mag ich Kühe, duftendes Heu und Schweizer Käse. Dass der was ganz besonderes ist, machte mir eine Bäuerin klar. Als wir uns vom Heumachen ausruhten, hobelte sie den Käse, den sie mit ihrem Mann und mir teilte, in durchsichtigen Scheiben vom Leib, obschon sie jede Menge davon haben musste. Schon damals wurde ich vom Aroma dieses kostbaren Lebensmittels angezogen und nicht, wie meine Mutter argwöhnte, von der Tochter der zweiten Gastfamilie, deren riesige Titten den Dreizehnjährigen ebenso abschreckten wie ihr Name. Erdmute hieß die Ärmste. Heute weiß ich, dass es ein schwerer Fehler war, mit ihr nicht mal im Heu gewesen zu sein.

 

Den Klausenpass runterzufahren war kein Problem, weil die rechte Seite meist am Berg lag. Mit dem Alter bin ich schwindlig geworden und weiß der Himmel, was alles sonst noch, was die Lebensfreude trübt. Der Gotthart danach war ein Kinderspiel, allerdings verpasste ich die alte Straße durchs Val Tremola („Tal des Zitterns“). Das lag am Tempo und daran, dass sich der Himmel zugezogen hatte und es donnerte. Ein Gewitter auf 2.000 Meter Höhe schien mir wenig verlockend, und so rollte ich zügig die gut ausgebaute Trasse nach Airolo runter. Man kann übrigens stellenweise beim Rauf- und später beim Runterfahren die Gotthart-Autobahn einsehen. Da stehen sie in der sengenden Augusthitze neben ihren aufgeheizten Blechkisten im Stau. Haben dafür noch bezahlt. Das macht Laune. Schadenfreude ist die schönste aller Freuden, schärfte uns der Englischlehrer ein. Außerdem bestand er darauf, mit Herr Doktor Krebs angeredet zu werden. Für mich der erste Doktor, der kein Arzt war.

 

Im Grunde macht mir nur das Wetter Angst. Zwar hat jeder Biker ein schlechtes Gewissen gegenüber der family. Tatsache ist aber, dass man mit seiner Maschine verschmilzt. Nach zwei Tagen wächst die Gefahr zu stürzen eher, wenn du vom Motorrad steigst, als wenn du kräftig Gas gibt. So auch auf dem Gotthart: kaum war ich von der Guzzi runter, fiel ich in einen Graben. Peinlich. Standen ja Leute in der Nähe. Leider häufen sich diese Malheurs mit dem Alter. Entsprechend sehen meine Schienbeine aus. Diesmal ging’s aber glimpflich aus und floss kein Blut.

 

In Bellinzona begann es zu regnen, und weil’s nach einem starken Guss aussah, bugsierte ich die Guzzi unter ein Vordach, riss aber mit dem Seitenkoffer ein Verbotsschild um, das locker im Boden steckte. Das sahen zwei Bullen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die dort im Cafe hockten. Da wollte ich auch hin. Musste mich direkt an den beiden vorbei drücken und machte eine Geste des Bedauerns. Pah, winkten sie ab, das sei doch bloß ein privates Schild, das kümmere sie gar nicht. Zu essen gab’s Toast mit Schinken und Käse. Zum Glück hörte der Regen gleich wieder auf, und ich konnte zum Lago weiterfahren. 

 

Natürlich nicht Richtung Locarno und Ascona, sondern Luino! Richtig geil wird’s erst, wenn man die Schweiz hinter sich hat. Schon weil sie zu teuer ist. Vor vielen Jahren hab ich mit dem Auto und Annette die Westseite des Lago Maggiore abgefahren. Die rechte ist aber schöner. Man cruist in direktem Sichtkontakt zum Wasser an malerischen Örtchen und kleinen Yachthäfen vorbei. Jetzt wär ’ne Harley mit vorverlegten Fußrasten nicht übel. Der Himmel ist wolkenlos. Auf einmal. Irgendeiner da oben, der’s gut mit mir meint, spricht: In Italien kannst Du Deine kindische Regenangst vergessen. Bis hierher reicht die Macht nordischer Donnergötter nicht. Von nun an werden linde Lüfte Deine Nase umspielen.

 

Während ich diesen Unsinn notiere, sitz ich in Maccagno auf einer Bank am See und schau Kindern beim Baden zu. Segelboote schaukeln. Unter ihren Rümpfen schmatzt das Wasser wie ein zahnloses Weib beim Kuchenessen. Stahlseile trommeln rhythmisch gegen Masten. (Soll ich die letzten beiden Sätze streichen?) Noch vor ’ner Woche waren wir auf Rügen und setzten Moos auf den Schultern an. Wie kann man nur in den Norden fahren? Am Lago erscheint das geradezu irrsinnig. Jetzt muss ich eine Bar finden, habe furchtbaren Durst.

 

Der steigert sich noch, als mir die Radler einfallen, die man bei den Passfahrten überholt. Durchaus mit angegriffenem Gewissen. Oder sagen wir so: ohne diese unentwegt Pedale tretenden Extremsportler könnte meine Selbstbewunderung grenzenlos sein – wie ich so elegant und konzentriert um die Kurven schieße und dabei der Hitze trotze, die sich im Helm staut. Doch angesichts der durchtrainierten Körper, die stundenlang mit und ohne Gepäck gegen zehnprozentige Steigungen ankämpfen, um dann kilometerlang auf ihren wackligen Drahteseln in halsbrecherischen Geschwindigkeiten zu Tale zu rasen - erscheint mir der Ritt auf einer 250 kg schweren, gut gefederten Guzzi ziemlich dekadent, obschon ich heute acht Stunden im Sattel saß und mir der Arsch brennt.

 

Vor Jahren hab ich bei Bozen mit einem radfahrbegeisterten Kollegen eine alpine Strecke nur mit Hängen und Würgen bewältigt. Da war ich noch besser in Schuss. Drum hab ich ja solche Hochachtung vor den Passradlern. Im Übrigen gilt: Zweirad ist Zweirad – ob mit oder ohne Motor. Radler sind unsre Geschwister. Autofahrer nicht. Die einen fahren uns tot, die andern wollen mit uns um die Wette heizen. Das hat mit der Aufrüstung ihrer Blechkisten zu tun. Plötzlich gebietet so ein bleichgesichtiger Sesselfurzer über 250 PS und acht Airbags. Kein Wunder, dass sich Superman an unsre Fersen hängt wie ein schwer geharnischter Ritter zur Zeit der Bauernkriege, der hoch zu Ross, den Morgenstern schwingend, einen armen Teufel verfolgt, der seine verbeulte Sense weggeschmissen hat, um schneller voran zu kommen. 

 

 

Tag 3:

 

Beim Frühstück. Aber italienisch, also ohne Brötchen. Der Hotelier, obschon er ein schönes Haus führt, ist mürrisch. Schaut einen nicht an. Seine Frau gestern Abend war viel netter. Vielleicht hat ihn das gestört. Doch vermutlich ist er nur deshalb sauer, weil er abends lang in der Küche stand und nun noch das Frühstück am Hals hat. Schlurft herum wie’n Opa und hat kein Auge für das tolle Wetter draußen. Ich werde am See entlang bis zum Südzipfel fahren. War zwar nicht geplant, drängt sich aber nach den gestrigen Eindrücken auf. Am Nebentisch zwei Biker aus Böblingen. Ausgerechnet. Sind auf der Autobahn hergefahren. Womöglich mit Navi. Als der ältere verschwindet, wird der jüngere redselig. Erzählt, dass er mit seinem Vater auf die Mama wartet, die jeden Moment mit dem “Cabrio“ eintreffen kann.

 

Sagt nicht: mit dem Auto. Recht so, versteh ich gut, denn beide fahren ’ne Honda Hornet. Die gibt’s im Doppelpack zur Hälfte. Darauf will der Schwabe nicht verzichten. Übrigens ist die Mama wenig später zur Stelle und kommt zu mir rausgelaufen, als ich los will. Wieso das? Ich soll wissen, dass sie zur ligurischen Küste weiterfahren will, eskortiert von ihren beiden Jungs. Hat vermutlich den Cabrio zur Krisenabwehr geschenkt bekommen. Zum Fünfundvierzigsten? Könnte hinkommen. Sie schwäbelt natürlich. Ihre Männer nicht. Sie arbeiten gegen ihren Sprachfehler an, was verklemmt wirkt. Dann wären also doch die, die’s lasset wie’s ischt, g’scheiter?

 

Fahrt am See traumhaft (so sagt man ja). Vor Laverno ist das Steilufer privatisiert. Davon zeugen hohe Zäune und Überwachungskameras. Häuser, die zu den Seegrundstücken gehören, sieht man nicht, nur Autostellplätze. Von da führen Treppen runter zu Villen, die eines Filmstars würdig sind. Vermute ich. Man sieht ja nix. Schließlich gerät auch der See außer Sichtweite und man fährt im Landesinnern weiter. Wer hat schon Lust dazu. Bin in Ispra wieder umgekehrt. Inzwischen ist’s sehr heiß geworden. Eigentlich schade, dass die Zeiten vorbei sind, als man ohne Helm fahren durfte. In Teilen der USA ist das heute noch erlaubt. Glückliches Amerika! Ich schmöker ja grad in diesem Steelwork rum, statt, wie es sich wegen der Isola Bella gehört, Jean Paul zu lesen.

 

Mein neuer “Freund“ Jo (in meinem Alter schließt man keine Freundschaften mehr) würde mir zustimmen, hat aber Sorrentinos Roman übersetzt. Vor zwanzig Jahren. Geschrieben wurde das Buch schon 1969. Hat ’ne Weile gedauert, bevor man die „100 Wahrheiten über die menschliche Sexualität“ (so ist ein Kapitel überschrieben) dem deutschen Leser zumuten wollte. Eine lautet: Wer wichst, muss schielen. Wegen des Schielens wurde ich mal als Kind operiert. Der Titan (nicht Olli Kahn) erschien bereits ab 1800.

 

In Luino trink ich auf einer beschatteten Uferterrasse eine Cola. Am Nebentisch sitzt ’ne geile Blondine in Leopardenhotpants („Spinning around...“) und Sandalen, die hochgeschnürt sind. Von ihr würde Sorrentino, der schon seines Namens wegen einen Luino-Roman verfassen sollte, behaupten, sie ficke gern. Und zwar mit Vorliebe auf kleinen Motoryachten, die nachts in den Hafen schleichen, auf den letzten Metern mit abgestelltem Motor. Tatsache ist, dass ich die Popomaus wenig später das Damenklo putzen sehe. Wer hätte das gedacht. So ’ne Fahrt macht nur Spaß, wenn man’s schafft, sich rechtzeitig zu erleichtern. Sonst hat man kein Auge für die spektakulären Dinge. Gleiches gilt für’s Tanken! Mechaniker Uwe hat mir eingeschärft: Tanke rechtzeitig! Wenn’s sich ergibt, schon nach 200 Kilometern! Hat mich auch gewarnt, dass das Wort automatico, das an jeder Tanke steht, für Aufregung sorgen könnte. Akzeptierten die Automaten meine Kreditkarte? Nein, das haben sie nicht. Nahmen sie meine Geldscheine? Na klar. Was war mit dem Wechselgeld? Wurde einbehalten.

 

Am Ende des Luganer Sees fällt mir was auf. Schaut man rüber zum andern Ufer, bewirken Licht und Wasserspiegelung, dass die gestaffelten Bergketten wie von Antonio Calderara gemalt scheinen, der immer unzählige durchschimmernde Farbschichten übereinanderlegte. Klingt unlogisch, die Schönheit der Landschaft aus der Malerei abzuleiten, aber wir sehen die Natur ja schon lang durch die Brille der Kunst. Von jung an habe ich ein Ölbild vor Augen, das der Mann meiner Klavierlehrerin den Eltern schenkte. Mit einem See und durchsichtigen Bergen im Hintergrund. Herr Kostakew war sehr traurig, sehnte sich in seine Heimat zurück und wendete die Lasurtechnik an. Er war mit seiner Frau aus Bulgarien geflohen und hatte seine Kinder zurücklassen müssen. Das hätte sie nie getan, rief meine Mutter entrüstet.

 

Die Lasurmalerei ist die Technik der Melancholie. Sie veranschaulicht Wehmut und ziellose Sehnsucht. Ziellos ist sie, weil uferlos. Wie Motorradfahren. Damit hört man auch nicht auf, weil man angekommen ist oder es nicht mehr weiter schafft. In Gedanken fährt man immer weiter. Auch im Bett. Man sehnt den Morgen herbei, damit es wieder losgeht und hofft, die Abendsonne geht nicht unter und der Weg nimmt kein Ende. Abends fahren ist sowieso am schönsten. Doch machen mir die Beine einen Strich durch die Rechnung und verkrampfen. Drum schluck ich Magnesium. Nebenwirkungen? Durchfall und Ermüdungserscheinungen – steht auf der Packung.

 

Die Strecke am Comer See hat zu viele Tunnels. Vor zwei Jahren war ich mit meinen Assistentinen in Loveno gewesen. Hatte aber nichts genutzt. Wir waren Gäste der Villa Vigoni gewesen. Abends liefen wir hinunter ans Wasser. Leider gerate ich vor Menaggio in einen endlosen Tunnel, der mich erst hinter Loveno wieder ausspuckt. Aber so toll waren die Erinnerungen denn doch nicht, dass ich in Versuchung kam, umzukehren. Lange Tunnels sind etwas Furchtbares. Dafür, dass man schneller ans Ziel kommt, büsst man ein Stück Lebenszeit ein. Bei kurzen Tunnels sieht das anders aus. In ihnen demonstriert der Italiener, was in seiner Aprilia Mille steckt: das Wutgebrüll des Löwen. Sich zu Tode erschrecken ist eben etwas andres, als sich zu Tode langweilen. 

 

Hoffte, dass es in Chiavenna kühler ist. War aber nur unwesentlich der Fall. Als erstes hab ich dort getankt, einmal Uwe wegen und zum andern, weil der nächste Tag ein Sonntag sein würde. – Eben bekomme ich meine Pizza serviert auf der Piazza Bertacchi. Crudo ed Zola heißt sie. Gemeint ist kein rüpelhafter Franzose, sondern die gelungene Kombination von Parmaschinken und Gorgonzola. Schmeckt phantastisch und kostet nur sieben Euro. Sofort ist mir der Ort sympathisch, auch wenn das Hotelzimmer sehr spartanisch wirkt. Doch zurück zur Tankstelle, wo ich den bislang einzigen Guzzisten außer mir getroffen habe. Ist das nicht eine Schande? Zumal in der Gegend von Mandello, dem legendären Firmensitz. Ich dachte schon, es sei unverzeihlich, keinen Abstecher dorthin gemacht zu haben. Mandello liegt immerhin am Comer See, allerdings auf der andren Seite.

 

Der Typ an der Tankstelle fuhr eine schicke Norge, war auch selber ziemlich schick, trug eine rasante Sonnenbrille und besaß ausschließlich Guzzi-Equipment. Auch sein 45-Liter-Topcase trug den Guzzi-Schriftzug. Ich muss mir manchmal anhören, wie dumm es ist, auf so einen Zusatzkoffer zu verzichten, doch obschon ich keine Sonnenbrille trage, bin ich für so was einfach zu eitel. Da kann man gleich Roller fahren. Zumal diese Teile so böse sind, nicht mehr aufzugehen, wenn sie zufallen. Es sei denn, man hat einen Schlüssel. Just der befand sich aber im Fall meines italienischen Kollegen in besagtem Topcase. Mit meinem Leatherman ruinierte er erst sein Schloss und schmiss dann sämtliche Teile, die dabei zu Bruch gingen, in die Gegend. Die Strafe war: das Scheißding blieb zu. Ich verabschiedete mich und überließ ihn seinem Kummer.

 

Aus Mitleid für das Navi, das mir Annette mitgegeben hat, das ich aber bislang nicht benutzt hatte, weil mir dieser ganze elektronische Scheißdreck auf den Geist geht, gab ich die Adresse eines Bikerhotels ein. Es lotste mich brav hin, man war aber ausgebucht. Ich fragte anständig: Ha una camera libera per una notte? Und die eingebildete Kuh an der Rezeption gab auf Englisch zurück, ob ich vorbestellt hätte? Nur eine Straße weiter lagen zwei Hotels nebeneinander: ein Zwei- und Dreisternehotel. Ich wählte das billigere, schon weil ich mich, verschwitzt wie ich war, in das bessre nicht reintraute. Meine Körpersalzproduktion zeichnete sich gut sichtbar in weißen Striemen auf dem Polohemd ab. Ja, ein Zimmer sei frei. Die Antwort erfolgte diesmal in Deutsch – meinem Italienisch traut keiner über den Weg. Nach dem Duschen wusch ich das verschwitzte Hemd mit Seife und hängte es aus’m Fenster. Für Abends und zum Frühstücken hab ich ein Ausgehhemd dabei.

 

Der Hotelier gab mir einen Stadtplan mit, worauf die Sehenswürdigkeiten vermerkt waren. Er schien dem Chef des gestrigen Hotels verblüffend ähnlich. Beide sprachen sie Deutsch und sahen irgendwie falb aus, mit heller Haut und graublonden Haaren – so gar nicht italienisch. Eher kamen sie mir wie deprimierte Holländer vor. Entweder macht den Holländer das Leben in Italien unglücklich, oder unglückliche Italiener verwandeln sich unweigerlich in missmutige Holländer, was weiß ich. Auf meinem Rundgang durch Chiavenna sah ich noch eine Guzzi: eine Stelvio.

 

Hier gefällt’s mir: die Stadt ist von Bergen eingeschlossen und wird von einem Gebirgsfluss zerteilt. Er hat sich so tief in den Boden gefressen, dass man auf der Brücke weit über ihm steht, zusammen mit den Häusern rechts und links, die auf hohen Felsen thronen. Das ist ungewohnt und imposant. Früher hätte man hierfür die Formel des Erhabenen bemüht und spürt noch heute, was damit gemeint war. Allmählich wird’s dunkel und ein kühlender Wind kommt auf. Drei männliche Nachtschattengewächse flanieren am Eiscafé vorbei, dann ein humpelnder Hund mit starkhüftiger Begleiterin. Ich schweife durch alte Gassen und würde mich über ein Abenteuer der besonderen Art freuen. In der Hitze zeigen die Girls viel Bein und vieles mehr, das hoch inspirierend wirkt. Das Abenteuer bleibt aus und ich will auch keins erfinden. Geh zurück ins Hotel und versuch zu schlafen.

 

 

Tag 4:

 

Als ich gestern vom Stadtspaziergang zurückkam, sah mein Hotelier irgendwie anders aus: weiterhin bleich und bitter, aber auch kleiner und dünner. Es war der Bruder! Ein Brief, der auf den Zimmern auslag, war von “Dino und Willy“ mit gleichem Familiennamen unterzeichnet. Dino und Willy – es gibt bestimmt eine Folge der Familie Feuerstein, die so heißt. Während ich gerade Zuhause mein Reisetagebuch abtippe, ist im Radio Aretha Franklins „legendäres“ Amsterdam-Konzert zu hören – ich erwähne es, weil die Bläser stellenweise nach Zirkuskapelle (von wegen R’n’B) klingen. Dino & Willy könnten ja in jüngeren Jahren ein Artistenpaar gewesen sein. Jetzt führen sie ein Zweisternehotel in Chiavenna und sind total gefrustet.

 

In der Nacht gibt’s Tumult. Verursacht von Deutschen. Benehmen sich wie in der Jugendherberge. Brüllen und schlagen Türen. Ich steck voller Hassphantasien. Hoffe, dass sich einer der Arschlöcher in der Tür vertut und bei mir aufkreuzt. Ich hau ihm eins in die Fresse, dass er gegen die Wand kracht, zu Boden sackt und seine ausgeschlagenen Zähne aufsammelt. Ihrer Ausdrucksweise nach sind’s Jungakademiker aus dem Münsterland. Farben tragende Junge-Union-Bubis, die es in der Verbindung krachen lassen. Sie lassen noch ein Nümmerchen folgen. Diesmal ganz leise. Rhythmisches Bettgequietsche, keine Frauenstimmen. Wahrscheinlich sind sie schwul. Beim Frühstück weiß ich mehr.

 

Es gibt keine Insekten südlich der Alpen. Nur einige Schmetterlinge. Das ist praktisch: das Visier bleibt sauber, und abends muss ich nicht auf Mückenjagd gehen. In Buchs kam ich noch mit einem völlig verklebten Helm an, obwohl ich ihn zwischendurch (auf’m Klo nach dem Wurstsalat) gesäubert hatte. Jetzt muss man ihn nicht mal nach acht Stunden Fahrt putzen. Haltet die Luft an: Das jungakademische Schwulenpärchen reist mit Eltern! Mit den Eltern des dickeren, schätz ich, denn die Mama ist prall wie ein Medizinball. Sie trägt ’ne Brille, Papa ’ne Halbglatze. Jetzt im Frühstücksraum kriegen die Kerle kaum einen Ton raus. Trotzdem erkenn ich ihre Stimmen wieder. Bin aber nicht mehr wütend.

 

Überlege, dass Homosexuelle zur Stabilisierung der bürgerlichen Kleinfamilie beitragen. Sie heiraten gern, adoptieren Kinder und gehen in Konzerte. Womöglich trägt die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mehr zum christlichen Weltbild der CSU bei als der Papst. Trotzdem wird sich der Seehofer niemals auf Elton John und David Furnish beziehen, wenn er über die hohe Bedeutung der Familie faselt. Hab leider keinen Tee bekommen. Musste Milchkaffee trinken. In Verbindung mit Pappbrötchen, auf die man zuviel Butter schmiert, führt das zu Sodbrennen.

 

Ein Leser würde fragen: warum schreibt der das alles auf? Eine Zeitschrift für Motorradreisen wird’s nicht drucken wollen, Literatur ist’s auch nicht. Stimmt. Literatur heute ist eine Chronik ungeschminkter Intimität. Arno Schmidt begann damit, weil er Männern meines Alters riet, sich der Hygiene wegen immer ein Blatt Klopapier zwischen die Arschbacken zu klemmen. Zweilagig oder Dreilagig? Als ich das las, war ich noch zu jung, es zu glauben. Das war in den frühen Achtzigern. Jetzt ist es 16 Uhr und ich schon in Bregenz. Die Hitze hat mich in Richtung Heimat getrieben oder die Schweiz oder beides. Passhöhen sind toll, alles andre nicht so. Schon gar nicht St. Moritz, la casa di nice oder Davos. Davos ist grauer noch als der Belag seiner Straßen. Komischerweise waren dort nur orthodoxe Juden unterwegs. Wie in einem Traum. Standen da mit ihren schwarzen Kutten, Käppchen und albernen Löckchen.

 

Man freue sich über jeden, der aus der Rolle fällt. Auch über den derangierten Säufer, der sich in der Straßenbar einen genehmigt. In Italien sind solche Leute kommunale Angestellte, die auf Anregung der Tourismusindustrie farblich passend zum patinierten Altbaubestand zum Einsatz kommen. Im Maccagno war’s ein Schnauzbartträger im braunen Overall, der in einem verrosteten APE herumdüste, für den er sich nicht die Mühe machte, einen Parkplatz zu suchen. Am Abend, den ich dort verbrachte, nahm er dreimal in der Bar Platz, die meinem Zimmer gegenüber lag. Mit dunkelrot angemalter Säufernase. Die orthodoxen Familienväter legen hingegen Rouge auf. Das macht rosige Wangen. Sie führen drei Kinder mit sich und sehen aus wie Abiturienten. Wäre nicht die hübsche palästinische Studentin, die behauptet, ich sei der Grund, warum sie nach dem Vordiplom ihr Studium nicht abbrach, und würde sie nicht ständig Horrorgeschichten über die Ungerechtigkeiten erzählen, die ihr Volk zu erleiden hat, könnte man die Davoser Anachronisten lieb gewinnen.

 

Hab unterwegs ein großes Spezi im Biergarten einer mit Amerika sympathisierenden und entsprechend beflaggten Bikerbar getrunken, weil davor ein gutes Dutzend alter Maschinen stand. Vor allem englische. Zum Beispiel ’ne bildschöne Norton Commander. Drei Guzzis waren auch dabei, darunter eine glutrote Falcone aus den Fünfzigern mit Schwingsattel. An der sind fast so viele Leitungen zu bestaunen wie an einer Lokomotive. Wahrscheinlich ist sie auch mit Dampf zu betreiben. Auf den Sitzbänken waren klassische Halbschalenhelme abgelegt worden. Da machte offenbar ein Oldtimerclub einen Ausflug. Wollte nachschauen, wie jung die Besitzer waren. (Keiner unter Sechzig!)

 

Allmählich quittiert meine Grußhand den Dienst. Daran ist der Sonntag Schuld und die Sonne, die alle Biker auf die Straße treibt. Nach den Nudeln mit Gambas und Spargel in Bregenz gönn ich mir noch eine Zabaglione, denn die Entscheidung ist gefallen: Ich fahr heut noch heim. Man bleibt entweder in Italien oder versucht so schnell wie möglich nach Hause zu kommen – so lautet das Gesetz. Bei meiner Planung ist was falsch gelaufen: ich hab die Heimatgravitation unterschätzt. Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Hin- und Rückweg. Dieselbe Stadt, die zu Beginn der Tour das beschwerliche Ende der ersten Etappe bildet, liegt am Schluss der Reise viel zu nah am Wohnort. So rasch dessen Anziehungskraft abnimmt, wenn man fortfährt, so gewaltig wächst sie, wenn man zurückkommt. Aus diesem Grund hätte ich dafür sorgen müssen, dass mein letztes Hotel a) im Ausland und b) weit weg von Zuhause liegt. Die Schweiz ist einfach zu nah und richtiges Ausland ist sie auch nicht.

 

Ich hab gar kein Wort über Liechtenstein verloren. Bin ja durchgefahren. Ist aber nicht der Rede wert. Nur die einsame Strecke, die zum Fürstentum führte, gefiel mir. Man kommt an Weinbergen vorbei, die mit Mäuerchen aus unbehauenen Steinen umfriedet sind. Das alte Wort umfriedet beschreibt die Situation präzise, weil von Straßen, die von beiden Seiten mit halbhohen Mauern eingefasst sind, eine wohltuende Ruhe ausgeht. Ich hab das schon mal erlebt, in Irland, und weiß daher, dass sich diese Stimmung nicht den Weinbergen verdankt.

 

Zum Schluss wäre noch die Frage zu beantworten, ob ich mich verfahren habe? So richtig nur einmal und zwar ausgerechnet auf der Schwäbischen Alb. Kurz vorm Ziel. Und warum? Ich dachte, hier kenn ich mich aus, zudem wird mein Ziel ausgeschildert sein. Weit gefehlt! Wie man nach Reutlingen kommt, erfährt man bereits in Ravensburg. Doch die Wiege des Deutschen Idealismus steht nicht im deutschen Schilderwald. Dieser Umstand kostete mich ’ne halbe Stunde Fahrtzeit mehr.

 

 

Gerd de Bruyn